(Frankfurter Allgemeine)

Fußballer Xavi

Das demütige Genie

24.12.2011  ·  Wenn Xavier Hernández i Creus auf dem Fußballplatz aufräumt, entsteht nicht nur Ordnung, sondern Sinn und Schönheit. Über die Poesie seiner Laufwege.

Ganz unten, in der äußersten Ecke des Stadions, wo die Haupttribüne in die Kurve übergeht, sitzt eine Gruppe von mehr als hundert Kindern in Fußballtrikots, gerahmt von stolzen Eltern. In Zehnergruppen klettern sie über die Bande, jeder einen Ball in der Hand. Sie laufen bis zu dem Punkt, an dem die Auslinie die Strafraumlinie berührt, dann spielen sie den Ball zu einem Mann in Jeans und gestreiftem Poloshirt, der auf Höhe des Elfmeterpunkts steht. Lässig stoppt er ihn, mehr als hundert Mal, ohne dass der Ball auch nur einen Zentimeter verspränge; ein Kind nach dem anderen läuft auf ihn zu, er lächelt, schüttelt jedem Kind die Hand und überreicht eine Urkunde. Ein Fotograf drückt auf den Auslöser. Mehr als hundert Mal.

Gut siebzehn Stunden zuvor hat Xavier Hernández i Creus, genannt: Xavi, noch auf diesem Rasen gespielt, im Camp Nou in Barcelona. Der FC Barcelona hat knapp gegen den FC Valencia gewonnen, nicht zuletzt deshalb, weil zur zweiten Halbzeit der angeschlagene Xavi gekommen war und jene Ordnung ins Spiel gebracht hatte, die vorher so vermisst worden war. Innerhalb von 16 Minuten hatte er durch zwei Torvorlagen das Spiel gedreht. Am Ende hieß es 2:1, und Xavi hatte seine Aufgabe mit derselben Geduld, Klarheit und unaufdringlichen Präsenz erledigt, wie er jetzt für die Kinder aus seiner Fußballschule, dem „Campus Xavi“, da ist.

Es wird aufgeräumt

Man hat Xavi, 31, das Hirn, den Kopf, das Herz, die Seele, den Motor des Spiels des FC Barcelona wie der spanischen Nationalmannschaft genannt - lauter organische und mechanische Metaphern, die alle etwas treffen, aber nicht ausreichen. Xavi, das ist der Name für die Ordnung des Spiels, für Ordnung, die einen Sinn stiftet, der über sie hinausweist.

Ordnung im Fußball ist ja ein fragiles, äußerst störanfälliges Gebilde, eine Konstellation, die nicht da ist und dann bleibt, wie sie auf der Taktiktafel konzipiert wurde; sie muss sich immer wieder situativ herstellen, weshalb Spieler oder Trainer nach dem Spiel oft sagen: „Wir haben die Ordnung verloren.“ Es gibt in dieser Ordnung die „Abräumer“, die das Spiel des Gegners „zerstören“, Bälle erobern, Räume versperren, Zweikämpfe aufnehmen sollen; eine Aufgabe, die sich in den Visionen des modernen Fußballs nahtlos in eine Vorwärtsbewegung verwandelt: Aus „Zerstörung“ geht „Ordnung“ hervor. Man könnte auch sagen: Es wird aufgeräumt, indem das eigene Spiel aufgebaut wird, und es wird in demselben Prozess nach Möglichkeit Chaos erzeugt: beim Gegner, dessen Ordnung ausgehebelt werden soll.

Genau da kommt Xavi ins Spiel, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, was noch so eine ungenaue Metapher ist, weil sie zu statisch bleibt, weil einer wie Xavi nicht in der Rolle eines unbewegten Bewegers verharrt, sondern durch seine Bewegung mit und ohne Ball die Ordnung des Spiels herzustellen versucht. Aus den computergenerierten Heatmaps, welche die Aufenthaltsdauer eines Spielers in bestimmten Spiefeldbereichen dokumentieren, entsteht bei Xavi eher der Eindruck einer Omnipräsenz zwischen den Strafräumen.

Man muss sich während eines Spiels einfach mal fünf oder zehn Minuten ausschließlich auf Xavi konzentrieren, so wie die Filme von Hellmuth Costard über George Best (“Fußball wie noch nie“, 1970) und Douglas Gordon / Philippe Parreno über Zinedine Zidane (“Zidane. Ein Portrait im 21. Jahrhundert“, 2006) neunzig Minuten lang nur ihren jeweiligen Protagonisten beobachtet haben. Im Fernsehen ist das durch den Bildausschnitt nicht ganz einfach, im Stadion dagegen ein faszinierendes Erlebnis.

Geistesgegenwart und Gedankenschnelligkeit

Da werden die Tempowechsel sichtbar, die wirklichen Ausgangspunkte einer Aktion; man begreift, im Nachhinein, wie Xavi Räume antizipiert, bevor sie sich als solche geöffnet haben, wie er Situationen löst durch seine Präsenz, weil er immer anspielbar ist und schon weiß, was er mit dem Ball tun wird, bevor dieser seinen Fuß überhaupt erreicht hat. Selbst wenn er einen dieser „Redundanzpässe“ spielt, wenn er ohne Positionswechsel und Richtungsänderung den Ball zu dem Spieler zurückspielt, von dem er ihn bekommen hat.

Da materialisieren sich Geistesgegenwart und Gedankenschnelligkeit, welche der Handlungsschnelligkeit vorausgehen - auch wenn das in der Situation nur eine analytische Trennung ist. Dass Xavi seine Rolle nur spielen kann, weil er von einem Ensemble genauso gut ausgebildeter Akteure umgeben ist, muss man im Fußball nicht eigens erwähnen. Ihre Fähigkeiten stehen nicht zurück hinter denen Xavis - es fehlt lediglich jenes so schwer fassbare Mehr an Intuition, Übersicht und Präzision.

Takt und Tempo

Xavis ganzer Stil, seine Körpersprache, sie zeigen, dass er die Verantwortung will für das Spiel. Ohne die theatralischen Generals- und Dirigentengesten. Er fordert die anderen, indem er nicht bloß einfache, sondern auch nur mit größter technischer Fertigkeit zu verarbeitende Bälle spielt, die, wenn alles gelingt, den Angespielten mehr brillieren lassen als den Anspieler. Das ist ein Schlüssel zu Xavis Größe: das intuitive Wissen, wie man die eigenen Fähigkeiten nutzt, um die der anderen sich entfalten zu lassen.

Seine Aktionen geben Takt und Tempo vor, sie setzen eine Kette von Bewegungen in Gang, die wirkt, wie von einem unsichtbaren Mechanismus angetrieben. Und selbst wenn Xavi nicht Ausgangspunkt einer Aktion ist, so besteht seine Gabe darin, den neuen, nicht von ihm initiierten Rhythmus sofort aufzunehmen und ihn dadurch zu verbessern, dass er mitwirkt. „Alle Jungs wollten nur nach vorne stürmen und selbst ein Tor schießen - mit Ausnahme von Xavi. Der hat aus der zweiten Reihe die Zuspiele geliefert und Gegenangriffe schon weit vorne gestoppt“, hat sein Vater über ihn gesagt, der selber eine Fußballschule betrieb, welcher der Sohn schnell entwuchs, um 1991, mit elf Jahren, ins Fußballinternat des FC Barcelona zu kommen.

Anzeichen von Nervosität

Man könnte das alles nun noch mit vielen Zahlen untermauern, die im Detail belegen, was einen der Gesamteindruck ahnen lässt. Als Beispiel soll jedoch die Statistik aus dem Finale der Champions League im Mai 2011 reichen. Da wurden für Xavi im Spiel gegen Manchester United 164 Ballkontakte, drei Torschüsse, fünf Torschussvorlagen und eine Torvorlage gezählt. Er schlug insgesamt 143 Pässe, von denen lediglich fünf nicht ankamen, was gerade mal 3,5 Prozent entspricht.

Der FC Barcelona spielt zwar auch ohne Xavi gut organisiert, glanzvoll und erfolgreich, weil es eine stabile Basis an Fähigkeiten, einstudierten Spielzügen, an sogenannten Automatismen gibt. Aber es gibt eben keinen, der, wenn diese Ordnung oder Organisation ins Wanken gerät, sie mit dieser Klarheit wieder herstellen könnte. Neulich noch, im „Clásico“ gegen Real Madrid, wurde das sichtbar, als der schockhafte 0:1-Rückstand nach gerade 22 Sekunden Xavi nicht im Geringsten beirrte. Ruhig, ohne die leisesten Anzeichen von Nervosität, tat er, was er immer tut, als drohe da gar kein Ordnungsverlust. Was auch zeigt, dass die Ordnungsmacht zugleich eine Haltung verlangt, eine Einstellung zum Spiel, die sich auf andere überträgt.

Die Fußballwelt

Wenn Xavi also das Spiel „aufräumt“, dann entsteht daraus keine Ordnung, die sich selbst genügte - nur manchmal, wenn die Ballstafetten Barcelonas nicht enden wollen und die Schönheit des Spielflusses den Weg zum Tor unwichtig erscheinen lässt, dann entkoppeln sich kurzzeitig Ordnung und Sinn. Xavis Art, das Spiel zu strukturieren, nimmt Ordnung als kreatives Prinzip, das nicht nur Einfachheit und Übersichtlichkeit will, sondern einen Grad an Komplexität verlangt, welcher der gegnerischen Mannschaft die Fußballwelt kompliziert und verwirrend macht.

Man kann diesen Typus von Ordnung dialektisch nennen, weil er ständig nur einen Wimpernschlag entfernt ist von seinem Gegenbild und oft übergangslos in dieses umkippen kann. Und zwar dialektisch in jenem Sinne, den der Philosoph Jean-Paul Sartre so haarscharf verfehlte wie eine perfekte Flanke, als er schrieb: „Im Fußball verkompliziert sich alles durch das Vorhandensein der gegnerischen Mannschaft.“

In der „Unterordnung“ unter diese Einsicht liegt die Größe Xavis, des demütigen Genies. Sie macht ihn zu einem kompletteren Spieler als etwa Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo, seine diesjährigen Konkurrenten um den Titel des „Weltfußballers“. Höchste Zeit, dass mal jemand kommt und ihm ein Denkmal setzt; dass jemand zum Beispiel einen Film dreht, der, anschaulicher als die Studien zu Best und Zidane, von Xavis Reise durch Raum und Zeit eines Spieles erzählt.